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AG BeNe
Teil I: Kirchliches Speed-Dating – vom schlichten Informationssuchenden zum Mit-Reformer*in!
Wie der Zufall es will, bin ich auf der Seite der Betroffenenvertretung über die Einladung zum Workshop „Gaststatus im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der EKD“ gestolpert. Ein exklusives Angebot der Betroffenenvertreter*innen innerhalb von EKD und Diakonie – wer könnte da widerstehen?
1. Der Masterplan: Die Betroffenenvertreter*innen präsentieren den andächtig lauschenden Interessierten ihre bisherigen Großtaten, um im Anschluss das brennende Verlangen nach einer Mitarbeit zu entfachen Für Lai*innen klingt das irgendwie nach einer Art Kaffeefahrt-Veranstaltung (vorne wird das Tafelsilber poliert, hinten dankbar genickt), aber im Kirchen-Sprech firmiert das heute eben als „Workshop“.
(Nur um kurz das weltliche Lexikon aufzuschlagen: In meiner bescheidenen Welt handelt es sich hierbei eher um eine Informationsveranstaltung, also ein Event, bei dem an bestimmten Informationen interessierte Menschen brav die Hände im Schoß falten, Input konsumieren und bei Bedarf (auch gerne kritische) Fragen stellen können. Ein Workshop hingegen impliziert aktive Arbeitsphasen, in denen man gemeinsam Lösungen zimmert und – man höre und staune – echte Ergebnisse produziert. Aber gut, bei der EKD gehört die „kreative Auslegung“ von Begriffen ja quasi zum Kernbestand des Glaubens.
2. Der göttliche Höhepunkt der Einladung, in der es wie folgt heißt: „Der Workshop bietet Ihnen die Möglichkeit, sich in einem möglichst geschützten Rahmen zu informieren“ – Halleluja, genau deshalb will ich die Reise nach Fulda ja antreten! – „und – wenn Sie möchten – aktiv an Veränderungsprozessen mitzuwirken.“ WHAT? Ich darf also direkt an Ort und Stelle, quasi noch während ich mir die Namensplakette ans Revers pinne, das System mit-reformieren? Ganz ohne den heiligen Gral des offiziellen Gaststatus‘? Und somit ohne die rituellen Kreise durch die (unergründlichen) Instanzen des Auswahlverfahrens durchlaufen zu haben? Das nenne ich mal kirchliches Fast-Track-Engagement! Die wundersame Wandlung von dem schlichten Informationssuchenden zum Mit-Reformator*in vollzieht sich hier sozusagen in Lichtgeschwindigkeit.
Teil II: Das Kleingedruckte – Vom Mit-Reformer*in zum edlen Zuarbeiter*in
Doch wer glaubt, der Weg zum Mit-Reformer*in sei bereits mit dem Anstecken der Namensplakette am Workshop-Tag vollendet, wird beim Studium des Beiblatts – welches sich ebenfalls, allerdings etwas weiter unten auf besagter Webseite verbirgt – eines Besseren belehrt. Bei genauerem Lesen offenbart sich nämlich, was es mit dem „Gaststatus“ (nach einem natürlich streng geheimen und „wie auch immer gearteten“ Auswahlverfahren) auf lange Sicht wirklich auf sich hat.
3. Die Verheißung klingt zunächst nach demokratischem Frühling: Ich darf meine Erfahrungen und mein Wissen direkt in die Arbeitsgruppen einbringen! Ich darf Anregungen geben, meine Perspektiven teilen und an der Entwicklung von Lösungen für Kirche und Diakonie mitbasteln. Man fühlt sich fast schon wichtig. Doch dann – Obacht! – folgt der rhetorische Exorzismus, der die Hoffnung im Keime erstickt: Die sogenannten „Gäste“ sind nämlich alles andere als reguläre Mitglieder des Beteiligungsforums. Sie dürfen zwar draußen vor der Tür fleißig sein, aber an den eigentlichen Sitzungen des Forums nehmen sie natürlich nicht teil. Man ist als „Gast“ also „laufend in die Arbeit eingebunden“ und steht im „steten Austausch“.
Mit etwas ketzerischem Blick auf das „Gaststatus-Konstrukt“ übersetze ich das mal aus dem Kirchen-Latein in die Realität: Es liest sich wie die Ausschreibung für eine gehobene Hiwi-Tätigkeit. Man darf zwar die Steine klopfen und den Mörtel anrühren, aber wenn die Architekten drinnen im Warmen über den Bauplan entscheiden, bleibt der Gast brav im kalten Vorhof der Kirche.
Kurzum: Man wünscht sich meine Expertise als mehr oder weniger kostenlose Zuarbeit, solange ich den eigentlichen Betrieb drinnen nicht durch meine physische Anwesenheit oder gar durch lästiges Stimmrecht störe. Ein wahrhaft „beteiligendes“ und gleichermaßen lohnendes Modell – zumindest für diejenigen, die die Tür von innen abschließen.
Teil III: Die prophetische Anmeldung – Antworten bitte vor der Information!
Und falls man nach all diesen erhellenden Informationen immer noch nicht das Gästehandtuch geworfen hat, sondern – getragen von unerschütterlichem Optimismus – beherzt den Link zum Anmeldeformular öffnet, erwartet einen das nächste bürokratische Hochamt.
4. Der digitale Beichtstuhl > Name, Alter, Geschlecht…? Die Fragen 1 und 2, nach Namen und E-Mail-Adresse, lasse ich mir ja gerade noch gefallen – schließlich muss die Kirche ja wissen, wen sie da in ihren Vorhof einlädt. Doch bei den Fragen 3 und 4, nach meinem Alter und meinem Geschlecht, beginnt mein empfindlicher Diskriminierungsnerv bereits verdächtig zu zucken. Ich frage mich im Stillen: Welchen tieferen theologischen, oder wie auch immer gearteten Erkenntnisgewinn, verspricht sich die EKD, bzw. die Gruppe der Betroffenenvertreter*innen, von meinem Geburtsjahr? Ist der Gaststatus etwa an eine bestimmte Alterskohorte gebunden, oder möchte man lediglich sicherstellen, dass die „edlen Zuarbeiter*innen“ noch rüstig genug für die anstehende Hiwi-Tätigkeit sind?
Und dann noch die Frage nach dem Geschlecht; ein besonderes Schmankerl: Hier wird mir gnädigerweise die Option „Keine Angabe“ eingeräumt. Da stellt sich mir doch direkt die Sinnfrage > Wenn das Ergebnis „Keine Angabe“ für die Statistik der EKD akzeptabel ist – wozu dann überhaupt erst fragen? Aber wahrscheinlich gehört das Abfragen von höchstpersönlichen Merkmalen bei der Kirche einfach zum guten Ton, quasi als digitale Generalbeichte vor dem eigentlichen Workshop. „So what?“, fragt man sich da – außer man erkennt darin die feine Ironie, dass ausgerechnet eine Institution, die beim Schutz vor sexualisierter Gewalt versagt hat, nun beim Datensammeln ganz genau hinschauen möchte.
5. Ein logisches Meisterwerk: Die Fragen 5 und 6 übergehen wir an dieser Stelle einfach mal geflissentlich – wir wollen uns ja nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten, wenn ab Frage 7 das wahre intellektuelle Feuerwerk gezündet wird. Hier möchte die EKD, bzw. die Gruppe der Betroffenenvertrter*innen, nämlich von mir wissen, warum ich Interesse an der Mitarbeit habe und wie ich mich konkret einzubringen gedenke. Dicht gefolgt von der besorgten Nachfrage, ob ich mir das Ganze denn zeitlich überhaupt einrichten könne und bereit sei, verlässlich an den Zoom-Treffen teilzunehmen. Da möchte man doch laut in den digitalen Beichtstuhl rufen: Liebe Freunde der kompakten Informationsveranstaltung (pardon, ich vergaß: „Workshops“)! Genau dafür, um diese existentiellen Fragen beantworten zu können, will ich doch überhaupt erst an eurem Workshop teilnehmen!
Man verlangt von mir also eine verlässliche Zeitplanung und ein detailliertes Motivationsschreiben für eine Tätigkeit, deren genauen Inhalt und Umfang mir erst während der Veranstaltung erklärt werden soll? Und Frage 10, die darauf abzielt zu erfahren, was ich mir von der Arbeit in den Themen-AGs des Beteiligungsforums erwarte, schließt sich für mein Empfinden nahtlos daran an. Ist bestimmt nett gemeint, aber vielleicht weiß ich auch das noch gar nicht, BEVOR ich bei besagtem Workshop war??
Vielmehr habe ich den Eindruck, ich soll quasi schon im Anmeldeformular den unbefristeten Arbeitsvertrag für den Hiwi-Job im Vorhof unterschreiben, ohne die Stellenbeschreibung zu kennen. Wahrscheinlich wird hier eine gewisse prophetische Gabe vorausgesetzt – die gehört im kirchlichen Umfeld ja irgendwie zur Grundausstattung. Erst die totale Hingabe, dann die Information.
6. Wahrheit oder Pflicht? Und der Spaß geht bei Frage 11 gleich weiter: Hier darf ich meine „Vorlieben“ in Form eines Rankings für die zur Auswahl stehenden Arbeitsgruppen angeben. Mal angenommen, ich kann auch das im Vorfeld beim besten Willen noch nicht beantworten – oder noch schlimmer: Ich würde mich gerne in einer AG engagieren, die gar nicht auf der Liste steht? Was mache ich dann? Muss ich an dieser Stelle präventiv lügen, um im bürokratischen Auswahl-Algorithmus nicht sofort als „Fehlbesetzung“ oder „unmotiviert“ aussortiert zu werden? Muss ich mich also durch die Hintertür in den Gaststatus „reinmogeln“, um auf diesem Weg irgendwann – nach einer (natürlich nicht näher definierten) erfolgreich absolvierten Probezeit – als offizielles Mitglied in den inneren Zirkel aufzusteigen, denn anders, als über den Gaststatus mit Bewährungszeit, scheint es ja nicht zu gehen… (Ein Himmelreich für eine demokratische Wahl von interessierten Bewerber*innen für die Mitarbeit in der Gruppe der Betroffenen!)
7. Fazit: Nach mehrmonatiger aktiver Zuarbeit als stimmloser Gast und Schlangestehen im Vorhof darf man vielleicht irgendwann an vorderster Front (mit Stimmrecht) mitspielen (oder auch nicht!). Zuvor gilt jedoch: Daten rausrücken, Motivation nachweisen, Ranking ausfüllen und hoffen, überhaupt für würdig befunden zu werden.
By the way: Niederschwellige/unkomplizierte Anmeldung in leichter Sprache? Fehlanzeige!
Ganz ehrlich? SO NICHT und NICHT MIT MIR!
Hallo Rainer
Ein wirklich stark geschriebener, kluger und notwendiger Beitrag. Die Ironie ist hier kein Selbstzweck, sondern ein legitimes Mittel, um eine Situation erträglich zu machen, die mittlerweile für viele Betroffene sonst kaum auszuhalten wäre. Dass Ironie nicht von allen als solche verstanden wird, ändert nichts an ihrem Wert – im Gegenteil: Sie legt Widersprüche offen, die sich im nüchternen Verwaltungssprech allzu leicht verstecken lassen.
Gerade diese Zuspitzung macht deutlich, wo strukturelle Probleme liegen: Bei scheinbarer Beteiligung ohne echte Mitbestimmung, bei Auswahlverfahren ohne Transparenz und bei Erwartungen an Engagement, bevor überhaupt klar ist, worauf man sich einlassen soll. Humor und Sarkasmus sind hier weniger Spott als Überlebensstrategie und Form von Kritik, die den Kern sehr präzise trifft.
Danke Dir dafür.
Und mal als spontaner Gedanke dazu:
Anstatt aufwändige und kostspielige Pseudo-Workshops wie das „Namensvortanzen“ in Fulda zu veranstalten, wäre es deutlich sinnvoller, Menschen direkt in das BeFo zu berufen (wählen wäre natürlich die korrekte Form, is klar), die sich bereits glaubwürdig und kontinuierlich für Aufarbeitung und die Belange anderer Betroffener eingesetzt haben. Menschen also, die nicht erst im angeblich „geschützten Raum“ ihr Interesse bekunden müssen, sondern längst Verantwortung übernehmen – öffentlich, kritisch und solidarisch.
Warum z.B. nicht diejenigen nominieren, die sich hier auf der Plattform mit Sachverstand, Klarheit und Haltung engagieren? Die BeNe-Nutzerinnen und -Nutzer, die sowohl unbequeme Fragen stellen als auch andere Betroffene aktiv schützen und empatisch unterstützen, sehr oft gegen offensichtliche Widerstände, Ausreden und bewusst eingebaute Erschwernisse seitens der Verantwortlichen, die ja angeblich im Zentrum der EKD-Macht wirken. Wer’s glaubt, wird selig? Oder bitter enttäuscht sein.
Vor diesem Hintergrund schlage ich – sofern die Personen selbst überhaupt Interesse und Möglichkeiten an einer solchen Aufgabe haben – exemplarisch folgende Nominierungen zur Auswahl vor :
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Jeanne V.
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Bienchen730
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HeimschuleKind
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Vertuschung-beenden Official
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Tim1979
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Pimpinella
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Walter
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NinaBayern
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DifteIe
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Froschkoenig
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Tamagotchi
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Dieter
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LindaBlue
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Etc.
Aus der Liste der Nutzer und Nutzerinnen mit den meisten Beiträgen bei BeNe (ohne Moderation)
Wenn Beteiligung ernst gemeint ist, sollte sie dort ansetzen, wo Kompetenz, Engagement und Solidarität längst sichtbar sind – und nicht erst nach monatelanger Zuarbeit im „Vorhof der Macht“. Dort wo die angeblich Allwissenden der Kirche und die Mitwissenden aus dem BeFo dann manchmal ein paar Krummen an allgemeinen Informationen und Insiderwissen vom Tisch fallen lassen. Oder bei Facebook und Instagram posten.
Cooler Text, Herr Zufall. Das liest sich so, als wenn sie damit "Cosmic Joke"-mäßig sagen wollen, dass es so aussieht, als wollte die Restgruppe der noch nicht weggebrochenen Betroffenenvertreter:innen unter sich bleiben. Korrumpierte EKD-Betroffenenvertretung? Habe ich mal gegoogelt. Man weeeiiiß es ja nicht..., oder?